Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass mein Leben nicht zu mir passt
Wenn mich vor einigen Jahren jemand gefragt hätte, ob mein Leben zu mir passt, hätte ich vermutlich irritiert geschaut. Natürlich passte es. Ich hatte alles, was man sich landläufig wünscht: ein Haus, eine gut laufende Firma, einen liebevollen Ehemann, ein gesundes Kind, Hobbys. Stabilität. Sicherheit. Ein Leben, für das man dankbar ist.
Warum sollte ich also überhaupt infrage stellen, ob etwas nicht stimmt? Und genau das ist rückblickend der entscheidende Punkt: Ich stellte es nicht infrage. Ich wäre nie auf die Idee gekommen zu sagen: ich funktioniere nur noch, obwohl es so rückblickend betrachtet so war.
Eine Unzufriedenheit ohne Namen
Trotzdem war da damals etwas. Keine große Krise. Kein dramatischer Bruch. Eher eine latente Unzufriedenheit, die sich nicht greifen ließ.
Ich war schneller gereizt als früher. Schlief schlecht. Selbst im Urlaub konnte ich nicht mehr entspannen. Darüber habe ich hier im Blog bereits gesprochen: Warum starke Frauen nicht zur Ruhe kommen – obwohl alles läuft. Meine Konzentration ließ nach. Mein Körper begann, sich zu verspannen – erst unterschwellig, dann immer deutlicher. Irgendwann kamen diffuse Schmerzzustände dazu, Verdauungsprobleme, später handfeste Unverträglichkeiten und allergische Reaktionen. Ich konnte immer schwerer Abschalten. Darüber habe ich in dem Artikel geschrieben, warum du geistig nicht abschalten kannst und was dahinter steckt.
Ich verstand nicht, was da geschah. Und ich verstand vor allem nicht, warum.
Der Versuch, die Symptome zu reparieren
Also tat ich, was viele Frauen in dieser Phase tun: Ich begann, die Symptome in den Griff bekommen zu wollen. Es folgte eine lange Odyssee aus Arztterminen, Untersuchungen, Empfehlungen, Therapieversuchen. Ich wollte verstehen, was mit mir nicht stimmt. Ich wollte eine Diagnose. Eine Erklärung. Einen Hebel. Doch nichts brachte langfristige Erleichterung. Es fühlte sich an wie Mäuse melken – viel Aufwand, keine Substanz.
Mein Leben wurde immer eingeschränkter, während die Antworten immer dünner wurden. Und irgendwann kam dieser Gedanke, den viele Frauen in dieser Phase denken: Was stimmt eigentlich mit mir nicht? Und warum kann mir niemand helfen?
Der Moment, in dem etwas kippte
Es gab keinen großen Wendepunkt. Kein Schlüsselerlebnis, das alles veränderte. Es war eher ein Zustand: Ich war erschöpft, verzweifelt, müde vom Kämpfen. Ich weinte viel. Nicht dramatisch. Still. Und in genau diesem Zustand tauchte eine leise Frage auf. Keine Lösung, keine Erkenntnis. Nur eine Frage: Was wollen mir diese Symptome eigentlich sagen?
In diesem Moment passierte äußerlich nichts. Aber heute weiß ich: Das war der Punkt, an dem sich etwas verschob.
Vom Reparieren zum Zuhören
Ich begann, meinem Körper andere Fragen zu stellen. Nicht analytisch, nicht medizinisch, sondern ehrlich.
- Warum bin ich so verspannt?
- Was setzt mich innerlich unter Druck?
- Was lastet auf meinen Schultern?
- Welchen „Stoff“ in meinem Leben vertrage ich nicht mehr?
- Was hält mich dauerhaft wach, im Alarm, in Bereitschaft?
- Warum spüre ich innere Unruhe trotz Erfolg?
Zum ersten Mal versuchte ich nicht, die Symptome loszuwerden. Ich begann, sie zu übersetzen. Und ich erkannte etwas Entscheidendes: Mein Körper arbeitete nicht gegen mich. Er versuchte, mir zu helfen.
Funktionieren als Lebensmodus
Rückblickend sehe ich klarer, was damals passiert ist. Ich lebte lange in einem Modus des Funktionierens. Nicht aus Zwang, sondern aus Gewohnheit. Ich hielt viel, trug Verantwortung, stellte mich hinten an – ohne es so zu benennen. Es war normal. Es war erfolgreich. Es war anerkannt. Und genau deshalb kam ich nie auf die Idee, dass dieses Leben mir innerlich nicht mehr entsprach. Denn äußerlich fehlte nichts. Der Körper musste deutlicher werden, weil Worte fehlten.
Was diese Phase so schwer erkennbar macht
Diese Phase ist so tückisch, weil sie nicht nach Krise aussieht. Sie tarnt sich als Stärke, als Belastbarkeit, als Durchhalten. Viele Frauen erkennen sie erst rückblickend. Nicht, weil sie unaufmerksam waren, sondern weil ihnen die Sprache fehlte.
Man kann ein gutes Leben führen und sich dabei selbst verlieren, ohne es zu merken.
Heute weiß ich
Diese Phase war kein Scheitern. Sie war ein Übergang. Nicht vom Erfolg in den Mangel sondern vom Funktionieren in ein ehrlicheres Leben. Mein Körper war kein Gegner. Er war der Erste, der die Wahrheit ausgesprochen hat.
Wenn du dich hier wiedererkennst
Dann musst du noch nichts verändern. Du musst nichts entscheiden. Du musst nichts loslassen. Es reicht, wahrzunehmen. Manchmal beginnt ein neues Kapitel nicht mit einer Antwort, sondern mit einer anderen Frage.
Fazit
„Ich funktioniere nur noch“ ist kein Zustand, den man plant. Er entsteht leise – und löst sich nicht durch Reparatur. Er löst sich dort, wo man beginnt zuzuhören.